Emilie Nibbe-Thiemig

Meine Urgroßmutter Emilie Nibbe-Thiemig war Deutschlehrerin und Schriftstellerin. Sie lebte von 1864 bis 1960. Zwischen 1920 und 1930 hat sie mehrere Bücher mit Gedichten, Geschichten und Rätseln veröffentlicht. Sie schrieb auf Hochdeutsch und auf Niederdeutsch.

 

An dieser Stelle soll eine kleine Würdigung ihrer literarischen Arbeiten geschehen.

 


Liebeserklärung an den Mai

Mai, lieblicher Knabe,

voll Sehnsucht ich dich erwartet habe!

Hüpfe an meiner Hand

nun fröhlich durchs Land!

Was kann ich nur ersinnen,

um dein Herz zu gewinnen?

Vernimm meiner Liebe Schmeichelton,

Du, des Jahres schönster Sohn!

Geboren am 1. des Maien,

will ich ganz mich deinem Dienste weihen!

Lass mich sitzen zu deinen Füßen

und deine Gegenwart wonnig genießen!

 

Das Füllhorn deiner Blütenpracht

hast du uns wieder mitgebracht,

selbst unter deinen Füßen

Gras und Blumen sprießen!

Goldregen und Flieder,

blühen nun wieder,

Kastanien, weiß und rot,

blühen sich fast tot!

Doch, der Blüten reichste Pracht,

hast du den Kirschen zugedacht.

Im Alten Lande sind solcher Bäume viel:

Zur Blütezeit ein beliebtes Ausflugsziel.

 

Mai, bald geht es mit dir zu Ende,

drum spende, spende!

Schenke mir Blumen zum Kranz!

Schwinge die Jugend im Tanz!

Ermunt're die schläfrige Au!

Male den Himmel schön blau!

Locke die Sonne aus ihrem Zelt hervor,

dirigiere im Wald den gefiederten Sängerchor!

Meine Hoffnung ist dir zugewandt,

denn du hast alles in der Hand.

Mir ist das Leben eitel Lust,

kann ich ruh'n an deiner Brust.

 

Mai! Ich habe dich stehts geliebt;

aber du hast mich so oft betrübt.

Wie musst' ich mich grämen

über dein kaltes Benehmen!

Du hast der Launen viel

und treibst oft ein liebloses Spiel,

darüber muss selbst der Himmel weinen

und die Sonne mag nicht scheinen;

aber dann bist du, lächelnd, wiedergekommen

und deine Schönheit hat mich gefangen genommen

bis auf den heut'gen Tag!

Wer so eine Liebe ergründen mag?

Langes Leben

Mien Leben geiht to En'n,

datt is nich mihr to wen'n.

 

Datt is doch ok klor,

bi sößundnegentig Johr.

 

Wann is datt nu so wiet?

Ik glöw, datt hett noch Tied.

 

Datt Leben is doch wunnerscheun,

bleuht in mien Heimat de Kirschenböm,

 

Mak ik mie up de Patten,

kiek in bi mienen Fründ Matten.

 

De ward Maidag 98 Johr

un hett noch gor kein witte Hoor.

 

Wi künnt uns fein watt aertellen,

von nige und olle Kamellen.

 

Hei freut sik sihr, de gode Mann,

datt ik ok Plattdütsch schnacken kann.

 

Bün doch uppen platten Lann geburn,

mang de Klutenpetters, de Burn.

 

Plattdütsch schnacken, datt is lich;

Plattdütsch schrieben ober nich!

 

(1960)



Spätherbst

Ich bin allein auf herbstlicher Flur -

Wie wird, wie wird mir nur?

Ein Frösteln durchdringt mein Gebein,

Herbstnebel hüllen gespenstig mich ein.

Es gluckst im Wasser, es rauscht im Rohr,

gar seltsame Töne treffen mein Ohr.

Huschen Gestalten am Wege dort?

Ich schrecke auf und laufe fort -

Laufe, laufe und halte nicht an

bis ich die mollige Wohnstatt gewann,

wo, in des Liebsten Arm geschmiegt,

der schreckhafte Spuck sogleich verfliegt.